Zur Stuttgarter Mineralwasserkunde gibt es viel zu erzählen. Hier ein kurzer Überblick.
Die Stuttgarter Mineralquellen sind nach dem fernen Budapest tasächlich das zweitgrößte Mineralwasservorkommen Europas, gemessen an einer Schüttung (Ausflussmenge) von wohl ungefähr 500 Litern pro Sekunde. 19 artesische, also von alleine heraussprudelnde Quellen schütten täglich also ungefähr rund 44 Millionen Liter Mineralwasser aus dem geologischen Untergrund. Aber so ganz genau wieviel, weis man eigentlich nicht. Und die "Quellen" sind dann auch noch fast ausschließlich Brunnen Sie befinden sich hauptsächlich in Richtung Neckar und im Neckar in den Stadtteilen Suttgart-Bad Cannstatt und Stuttgart-Berg.
Unterirdische Herkunft aus Süd-Südost und Südwest.
Die Mineralwässer von Stuttgart sind eine Mischung. Eine Mischung v on Grundwasser unterschiedlicher Herkunft und Richtungen. Ursprünglich wurde ihre Herkunft rein auf Regenwasser, das im Oberen Gäu (bei Gärtringen/Sindelfingen) in den Boden abregnete und dann weiter in den Muschelkalk-Untergrund einsickerte, zurückgeführt - und dann 15 bis 20 Jahre dem Gefälle folgend zum Quellgebiet floss. Das behauptete die Stadt Stuttgart und ihre Experten bei der Planung und dem Bau von Stuttgart 21 immer noch, obwohl 2009 bei einer Mineralwasserbohrung für das Merkel'sche Bad in Esslingen auf eine "zweiten" mit 150 Litern in der Sekunde sehr üppigen und warmen Mineralwasserstrom gestoßen wurde (Bild unten). Dieser Strom bringt von Menschen bisher unberührtes, von der vulkanischen Restaktivität erwärmtes und gesprudeltes fossiles Wasser aus Richtung der Schwäbischen Alb zum Quellgebiet, wo es sich dann mit dem zweiten Strom aus dem Gäu "trifft". Dementsprechend sind die Mineralwässer vielfältig und umfassen niedrig- und hoch konzentrierte Wässer. Darüber noch mehr bei der Wanderung und den einzelnen Kostproben, die dies verdeutlichen.
Das Heilquellenschutzgebiet Stuttgart soll eigentlich die 13 staatlich anerkannte Heilquellen (also Wasser das Menschen nachweislich heilt) in Bad Cannstatt und Berg vor qualitativen (Verschmutzung) und quantitativen (Schüttungsabfall) Beeinträchtigungen schützen. Und die besonders gefährdeten Quellbereiche sind auch noch mitten in einer dicht besiedelten und stark industrialisierten Großstadt. All meine angebotenen Mineralwasser-Wanderungen sind ausschließlich in dieser umfassend geschützten Kernzone des Schutzgebietes, was für alle Teilnehmer strenge Konsequenzen hat. In diesem Kerngebiet des Schutzgebietes mit seinen Mineralaustritten sind Eingriffe in den Untergrund generell und "streng" verboten".
Geschichte der Stuttgarter Mineralwassernutzung
Die historische Nutzung der Stuttgarter Mineralquellen reicht bis in die Steinzeit zurück. Im Bereich um Bad Cannstatt wurden direkt an bzw. auf den Mineralwasserablagerungen (Sauerwasserkalke) Lagerplätze von steinzeitlichen Cannstattern gefunden. Ob gebadet wurde ist unbekannt, aber wie ich meine wahrscheinlich. Auf jeden Fall gab es Mammut zum Essen.
Die Nutzung der Stuttgarter Mineralquellen in der Römerzeit ist archäologisch belegt, es sind aber keine großen Thermen wie in Baden-Baden überliefert. Cannstatum war eine der größten römischen Siedlungen der Römer in Baden-Württemberg. Die Siedlung umfasste auch Badeanlagen, von den Relikte erhalten sind, so dass die Quellen den badefreudigen Römern sicher bekannt waren.
Im Mittelalter gab es 1377 erste Erwähnungen von Badestuben im Bereich des heutigen Bad Cannstatt. Im 16. bis 18. Jahrhundert gab es zwielichtige, da traditionell erfolglose Versuche der Salzgewinnung aus dem unappetitlichen "sauren" Wasser mit Anteilsscheinen. Immerhin konnte das dann erbohrte, zur Salzgewinnung ungeeignete Mineralwasser dann als immerwährender Antrieb für Ölmühlen und Wasserräder genutzt werden. So entstand auch der erste artesische Brunnen Deutschlands mit 72 m Bohrtiefe am Sulzerrain. Ungefähr dort wo sich heute der Kursaal (Bild unten) mit seinem Brunnenhof befindet.
Kurort zum Badebetrieb im 19. Jahrhundert
Die ersten Wannenbäder zur Gesundung eröffneten 1818. Sie deuten auf den neuen Zeitgeist. Die Aufklärung rief "Zurück zur Natur" und reformierte die Medizin und die Ideen über Gesundheit und Hygiene. Schon 1821 förderte ein königstreuer Verein den ersten beschaulichen Kurbetrieb - bis hin zur kurzen Blütezeit als aufstrebender Kurort für Adel und Wohlhabende mit renommierten Heilanstalten (wie die Orthopädische Heilanstalt von Jakob von Heine am heutigen Wilhelmsplatz) und dem ganzen Kur-Brimborium. Von diesen Zeiten sind heute eigentlich nur noch die 3 Stuttgarter Mineralbäder, die Mineralwasserbrunnen und verblassende Überlieferungen vorhanden, in einer Großstadt, die zunehmend andere Schwerpunkte setzte.
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